Sokei-ans Einführung zum Plattform-Sutra
Es gibt hauptsächlich drei bekannte Versionen vom Sutra des Sechsten Patriarchen, kurz Plattform-Sutra genannt. Eine davon wurde erst vor kurzem in Tun-huang im Westen von China gefunden. Eine weitere Version entdeckte man in einer alten Bibliothek in Japan, wo sie etwa achthundert Jahre lang in einem unbeachteten Stapel von Sutras gelegen hatte. Wenn man die verschiedenen Versionen miteinander vergleicht, findet man einige interessante Unterschiede, doch das Grundgerüst ist in allen dasselbe. Die Unterschiede stammen vermutlich von den verschiedenen Mönchen, welche die Lehrreden des Patriarchen niedergeschrieben hatten. Es ist dasselbe, wie wenn ihr von meinen Lektionen Notizen machen und sie später veröffentlichen würdet; die Grundaussagen wären die gleichen, einige Einzelheiten verschieden.
Sämtliche Schulen des Buddhismus gehen auf die Worte und Taten von Shakyamuni Buddha zurück und alle verehren diesen Buddha als ihren ursprünglichen Lehrer. Im Zen wird der Titel „Patriarch“ nur für Menschen verwendet, die das, was der Buddha lehrte, durch ihr eigenes Tun übermittelt haben und deshalb als direkte Nachfolger von Buddha angesehen werden. Buddhas Schüler Mahākāshyapa gilt als der erste Patriarch in Indien. Er soll von Shakyamuni selbst als ebenbürtiger Lehrer anerkannt worden sein. Der zweite Patriarch ist Ānanda, welcher immer an Shakyamunis Seite gelebt und alle Lehrreden gehört und im Gedächtnis behalten hatte.
Der legendäre Mönch Bodhidharma gilt als der achtundzwanzigste Patriarch in Indien und der erste Patriarch in China. Der zweite chinesische Patriarch war Hui-k’o, der dritte Seng-ts’an, der vierte Tao-hsin, der fünfte Hung-jen und der sechste Hui-neng. Nach Hui-neng hört die Zählung der Patriarchen auf, nicht aber die direkte Übertragung von einem Lehrer auf den anderen.
Die eigentliche Zen-Schule nahm ihren Anfang mit Hui-neng. Denn mit ihm und seinen Nachfolgern begann die Entwicklung eines speziellen Zweiges des Buddhismus, namens Ch’an (jap. Zen). Dieser ist gekennzeichnet durch die Betonung der verwirklichten Erleuchtung im täglichen Leben, im Gegensatz zur rein philosophischen oder ritualen Beschäftigung mit Buddhas Lehre oder der Betonung ihrer Gebote im monastischen Umfeld.
Man kann mit gutem Grund sagen, dass im Sutra des Sechsten Patriarchen die ganze Theorie der Zen-Schule enthalten ist. Alles, was man in Bezug auf Zen sagen kann, wurde damals gesagt. Das heutige Zen ist hauptsächlich die Anwendung des schon Gesagten.
Nicht stecken bleiben
„Gute Freunde, die Überlieferung unserer Schule beinhaltet Nicht-Denken als unser Objekt, Nicht-Form als unsere Basis und Nicht-Anhaften als unser Grundprinzip. Nicht-Denken bedeutet, an keinen bestimmten Gedanken gebunden zu sein. Nicht-Form bedeutet: Obwohl man in einer Formenwelt lebt, frei von Formen zu sein. Nicht-Anhaften ist die wahre Natur unseres Geistes.
Ob ihr Gutes oder Schlechtes erlebt, Liebe oder Hass, Zuneigung oder Ablehnung, lobende oder verletzende Worte, ihr sollt sie alle als leer erkennen und keine Rachegedanken hegen. Lasst jeden Gedanken fliessen, ohne an das Vergangene zu denken. Dann gibt es keine Unterbrechung. Wenn ihr nur einen Augenblick lang bei Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft stecken bleibt, schafft ihr euch Hindernisse. Wenn ihr nicht erlaubt, dass euer Geist an den Umständen oder an Ideen hängen bleibt, erlangt ihr Freiheit. Aus diesem Grund machen wir Nicht-Anhaften zu unserem Grundprinzip.“
Der Sechste Patriarch erklärt hier die drei Prinzipien seiner Schule in Übereinstimmung mit der buddhistischen Lehre. Gleichzeitig bekennt sich der Sechste Patriarch damit zu seiner Meditationserfahrung, denn seine Worte zeugen von Erfahrung. Man kann so etwas nicht aus Büchern lernen.
Nicht-Denken bedeutet, seinen Geist nicht zu besitzen. Das ist nicht dasselbe wie Dummheit. Das heisst, man ist nicht mit den eigenen Gedanken identifiziert; es sind nicht die Gedanken eines bestimmten Menschen namens Ich. Nicht-Form bedeutet, dass der Geist keine bestimmte Form hat. Nicht-Anhaften heisst, auf keiner spezifischen Haltung zu beharren, sei es Schweigen oder Reden. Man stützt sich nicht auf Gott, nicht auf Buddha, nicht auf sonst etwas. Der Boden, auf dem man steht, ist der formlose Urgrund.
Der Geist fliesst andauernd wie ein Fluss und ändert sich von Augenblick zu Augenblick. Auf Grund von verschiedenen Gefühlen und Empfindungen denkt man dieses und jenes. Diese wechselnden Gefühle und Empfindungen sind das Barometer unseres Zustandes, denn die Reaktionen auf die gegebenen Umstände übersetzen sich in Gedanken. Wenn der Geist in einem Zustand stecken bleibt, wird sein Wirkungsfeld zunehmend eingeengt und unfrei. Die Anspannung nimmt zu und der Gedankenfluss wird schnell und erzeugt hohe Wellen. Weitet sich die Situation wieder aus, werden die Gedanken einfacher; der Gedankenfluss bewegt sich freier, leichter und ruhiger.
Es muss unterschieden werden zwischen Geistesinhalt und Geistesbewegung. Der Geist ist ständig in Bewegung, wie die Wellen in einem Fluss. Er trägt die Inhalte, so wie Wellen Abfälle tragen. Doch die Wellen bleiben davon unberührt. Wir sind allen Arten von Geistesinhalten ausgesetzt, die von aussen kommen und wie Parasiten die Seele auffressen – aber wir sind das nicht selbst. Wenn wir die Abfälle aus unserem Geist wegschaffen können, haben wir reine Geistesbewegung. Dann sind wir unmittelbar im Kontakt mit dem Universum. Aber wir sind die Bewegung nicht selbst. In dem Augenblick, in welchem man frei von jeglichen Gedanken ist, kann man in das Mysterium des Universums spähen.
„Nicht-Denken“ heisst auf Japanisch „mu-nen“. „Mu“ heisst „nichts“. Aber wenn man sich ein Nichts vorstellt, ist es nicht wirklich nichts. Man muss alle Vorstellungen zerstören, dann tritt das wirkliche MU, das wirkliche Nichts in Erscheinung. „Nen“ bedeutet Gedankenimpuls, die Bausteine, welche die Gedanken bilden. Ohne diese Elementarteile des Denkens, manchmal auch als „Ideen“ übersetzt, würden sich keine Gedanken bilden.
Was ist die Grundform des Wassers, flüssig, fest oder gasförmig? Wir können diese Frage nicht beantworten, denn das Wasser ist amorph, es hat keine bleibende Form. Analog dazu sind wir im Wesentlichen, obwohl wir in einem Frauenkörper oder Männerkörper leben, selbst nicht weiblich, nicht männlich, sondern jenseits von geschlechtlicher Unterscheidung. Wirklichkeit hat keine Form, aber sie nimmt wie das Wasser alle möglichen Formen an.
Nicht-Anhaften übersetze ich manchmal als „keinen festen Standpunkt haben“. Die Natur, welche sich seit vielen Zeitaltern verkörpert, legt sich nicht fest. Manchmal nimmt sie die Form einer Katze an oder einer Kuh, und manchmal verkörpert sie sich in einer Küchenschabe, aber sie hat keinen bestimmten Aufenthaltsort. Sie wohnt nicht im Himmel oder auf der Erde. Wenn ihr dies versteht, versteht ihr die Worte des Sechsten Patriarchen ohne Schwierigkeit.
„Wenn ihr nur einen Augenblick lang bei Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft stecken bleibt, schafft ihr euch Hindernisse.“ Es ist wie beim Schreiben. Die Schrift soll in einem natürlichen Rhythmus fliessen. Vom Anfang bis ans Ende der Zeile ohne Unterbrechung. Flickt nicht an den Worten herum, und denkt nicht darüber nach, was ihr schreiben sollt – schreibt einfach so, wie es kommt und korrigiert es nachher wenn nötig!
Wer den Urgrund der Existenz, im Buddhismus Dharmakāya genannt, versteht, kann sich vollständig von allen Formen und Namen befreien. Dann besteht in jedem Zustand Freiheit. Man mag lächeln, weinen, kaufen, verkaufen, doch nichts hält einen fest. Man verlässt den Arbeitsplatz abends nicht mit einer Sorgenfalte im Gesicht wie die meisten Menschen in der Untergrundbahn, welche ihre Sorgen des Tages mit nach Hause nehmen.
Ihr sollt alles vergessen, wenn ihr das Büro verlasst. Doch ihr tut dies nicht. Ihr verfolgt fixe Ideen, statt die Dinge aus sich selbst heraus wachsen zu lassen.
„Gute Freunde, den Geist nicht von den Umständen trüben zu lassen, ist die Anwendung von Nicht-Denken. Ruht in eurem eigenen Geist und erlaubt es diesem nicht, von den Umständen beeinflusst zu werden. So bleibt ihr frei. Doch es ist ein grosser Irrtum, alle Gedanken unterdrücken zu wollen und zu versuchen, überhaupt nichts zu denken. Selbst wenn dies gelingen würde, würde man trotzdem irgendwo wiedergeboren.“
Denkt nicht, Wiedergeburt geschähe nach dem physischen Tod, sie findet in jedem Augenblick statt. Man wird auch in den Gedanken wiedergeboren. Karma und Reinkarnation finden in allen Geistesaktivitäten statt. Doch solange man in Gedanken verkörpert ist, hat man keine Chance, die Freiheit Buddhas zu realisieren.
Die geläufige Idee vom Karma postuliert, dass das universale Bewusstsein eine Art Speicher ist, Ālaya-Bewusstsein15 genannt, der die Samen enthält, welche das Karma jedes individuellen Menschen in sich tragen. Dementsprechend erntet jeder Mensch Belohnung oder Strafe. Diese Vorstellungen widerspiegeln den rein menschlichen Ich-Standpunkt. Wenn man aber den überpersönlichen Dharmakāya-Standpunkt einnimmt, in welchem es kein Ego gibt, muss man zum Schluss kommen, dass es im ganzen Universum keine einzige individuelle Seele mit einem separaten Karma gibt. Wessen Karma habe ich als Individuum dann empfangen und lebe ich nun aus? In Wirklichkeit gibt es nur ein Sein; alle Seelen sind miteinander verbunden und durchdringen sich gegenseitig. Deshalb kann man nicht wissen, wessen Karma man zurückbezahlt und wer das Karma, welches man jetzt erschafft, einmal tragen wird. Wenn man dies realisiert, kann man nicht anders, als allen Wesen mit Mitgefühl verbundenzusein.
„Alle geistigen Leiden und unerträglichen Umstände entspringen falschen Auffassungen. In der Urnatur gibt es überhaupt nichts, das man sich vorstellen oder das man erlangen kann. Wenn man sich über seine Urnatur irgendwelche Vorstellungen macht, hat man entsprechend falsche Vorstellungen von Glück und Unglück, und das erzeugt Leiden. Aus diesem Grund ist die Gedankenleere das fundamentale Prinzip unserer Schule.“
Nach sechsjährigem Meditieren, von morgens früh bis abends spät, fand der Buddha die Wahrheit – „Ah“. In dieser grossen Ruhe gab es nicht die geringste Spur eines menschlichen Gedankens. Seine Seele verschmolz mit der Seele des Universums. Als er seine Augen nach einer langen Nacht in dieser Stille öffnete, sah er den Morgenstern am östlichen Himmel blinken und wurde mit einem Mal seiner grenzenlosen Existenz gewahr. Er war Baum und Gras, Himmel und Erde – er war alles. Erst später erklärte er: „Wenn ein Buddha zur Erleuchtung kommt, erstrahlt die ganze Welt in Buddhaschaft – die grosse Erde, Bäume, Gräser – alles ist erleuchtet.“
Das wortlose Einssein ist das eine und einzige Tor. Es gibt keinen anderen Weg zur Erleuchtung. Heutzutage reden Tausende über Buddhismus, aber nur die wenigsten kennen ihn wirklich.
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